Das Kunst-Areal Schloss Osterstein Gera

  • Winfried Wunderlich und Sven Schmidt (links) Foto: Michael Malpricht
Die Geraer Künstler Winfried Wunderlich und Sven Schmidt haben in Gera einen spannenden Ausstellungsraum nach dem anderen erobert.
So sehen Eroberer aus, zwei Männer, die ein Schloss in Besitz genommen haben. Oder immerhin das, was Anfang der 90er Jahre von Schloss Osterstein übrig war.

Wie die meisten Geraer wissen auch Winfried Wunderlich (Jahrgang 1951) und Sven Schmidt (Jahrgang 1959) nur dank alter Fotos, wie die Residenz der Reussen jüngere Linie auf dem Hainberg über dem Stadtteil Untermhaus aussah. Beim Bombenangriff auf Gera am 6. April 1945 war das Schloss weitgehend zerstört, die Ruinen später gesprengt worden. Nur Gebäude um Wirtschaftshof und Garten blieben stehen. In den 60er Jahren entstanden dort ein Wohnblock als Neubau und das Terrassencafé. Bereits in den 80er Jahren hatten Geraer Künstler den Bergfried für wechselnde Ausstellungen erobert. Da studierte Sven Schmidt gerade Design an der Hochschule in Halle. Winfried Wunderlich war nach seinem Studium an der Hochschule Burg Giebichenstein als freischaffender Künstler nach Gera zurückgekehrt.

Nach der Wende erhoben sich kurz ein paar Stimmen für einen Wiederaufbau der gesamten Schlossanlage. Als sich ein Jahrzent später alle mit dem Dornröschenschlaf der längst leergezogenen Schlossreste abgefunden zu haben schienen, belagerten in Gedanken Winfried Wunderlich und der inzwischen nach Gera zurückgekehrte Sven Schmidt den Osterstein. Die Namen Winfried Wunderlich und Sven Schmidt haben weit über Gera hinaus einen guten Klang. Wunderlich gehört zu den kreativsten Glaskünstlern Deutschlands, doch er ist auch Maler, Plastiker, Innenarchitekt. Wie Wunderlich, und das ist vielleicht typisch für Absolventen der Hallenser Künstlerschmiede, akzeptiert auch Sven Schmidt nicht die Losung "Schuster bleib bei deinen Leisten". Schmidt malt, zeichnet, druckt, baut, gestaltet mit allem, was ihm in die Finger kommt und ihn inspiriert. Wunderlichs farbintensive Glasobjekte wirken filigran und sensibel, oft aber auch eher heiter als zerbrechlich. Sie sind weit entfernt von der Wucht und der Wut, die Sven Schmidt auf seine Leinwände überträgt. Die Künstler selbst sind bodenständige Ostthüringer. Gersche Dicknischel, die nicht locker lassen, wenn sie von einem Projekt überzeugt sind. Sie reden nicht nur darüber, dass in Sachen Gegenwartskunst in Gera mehr passieren muss. Sie tun etwas dafür, dass sie dem Menschen unerwartet auf der Straße begegnet.

Als sie beginnen, über das Schlossareal Osterstein nachzudenken, das ja nur einen Steinwurf von Otto Dix Geburtshaus entfernt liegt auch vom künftigen Kunsthaus aus ist Osterstein gut zu sehen haben sie gerade Kraft und Zeit in die Belebung einer anderen Brache investiert. Aus ihrem Vorschlag, Kunst in den Geraer Höhlern zu zeigen, entstand 2003 die erste Höhler Biennale. Was mit 20 Künstlern aus Gera und Umgebung begann, hatte sich schon 2009 zu einer vielbeachteten Schau mit internationaler Beteiligung entwickelt. Die Besitzer sind stolz, wenn der veranstaltende Verein zur Erhaltung der Geraer Höhler e.V. ihren Höhler in den Ausstellungsrundgang einbezieht. Auch Schmidt und Wunderlich sind stolz auf die großen Schritte, die ihr Baby Höhler Biennale inzwischen macht.

Doch zurück auf den Osterstein. Die Alte Wache war gerade durch den Besitzer des Areals, die GWB "Elstertal", hergerichtet worden. Doch neuer Putz und Farbe sind das eine, wie nutzt man diesen schmalen, unbeheizten Raum? Sven Schmidt hat 2003 mit der Ausstellung "Königinnen" den Anfang gemacht. Ost-West Pavillon heißt das Projekt und inzwischen agieren Schmidt und Wunderlich hier nicht nur als Duo. Da die Ausstellungen ohne Fördermittel auskommen, wird von den ausstellenden Künstlern Mitarbeit verlangt. Das beginnt jedes Jahr im April, wenn die Alte Wache nach dem Winter das erste Mal inspiziert wird. Da muss gewischt werden, sind die Fenster zu putzen, die vom Wasser geschädigten Wände zu tünchen. Wer hier ausstellt, muss nicht nur beim Hängen mit anfassen, sondern auch robuste Kunst zeigen. In den Wänden steigt Nässe auf, der Keller ist schon jetzt nicht mehr nutzbar.

"Mix 010" heißt die kleine Schau in diesem Jahr. Sie "mixt" Geraer Künstler mit Kollegen aus Stuttgart. Wie ihre Vorgängerinnen ist sie durch Kontakte entstanden, die man bei anderen Ausstellungen knüpft. Oft laden die Gäste die Geraer zum "Gegenbesuch" ein. Was als Ort für deutsch-deutsche Kunstbegegnung begann, führt längst auch nach Norden und Süden. Und unter Spaziergängern, Radlern und Wanderern hat sich herumgesprochen, dass hier Kunst im Vorbeigehen betrachtet werden kann. Der Neugierige ist hier ebenso willkommen, wie der, der sich vielleicht für einen der Namen auf der Tafel am Eingang interessiert oder durchs Fenster ein Objekt, eine Farbe erspäht hat, die er nun näher inspizieren will.

Doch die vergleichsweise kleine Ausstellung in der Alten Wache ist seit 2007 nicht mehr der einzige Kunstort auf Osterstein. Denn schon im Dezember 2005 waren Schmidt und Wunderlich in der Kulturdirektion Gera erschienen und legten ein Konzept zur Gestaltung des gesamten brachliegenden Geländes des ehemaligen Schlosses Osterstein vor. Es sollte im Jahr der Bundesgartenschau 2007 zum Kunst-Areal mit vielen Aktionen werden. 2005 stießen Schmidt und Wunderlich bei Kulturdirektor Dr. Frank Rühling auf offene Ohren und Unterstützung. Ende März 2006 unterzeichneten die Künstler einen Vertrag mit der Stadt und ein Jahr später zur Buga konnte Gera nicht nur mit Blumenmeer und Parkgestaltung glänzen. Es legte auch als Otto-Dix-Stadt Ehre ein, mit Ausstellungen in ihren angestammten Kunsthäusern ebenso wie mit dem von Schmidt und Wunderlich initiierten Projekten im Schlossgelände. Wenn Ende 2011 auch noch die große Geraer Otto-Dix-Sammlung und attraktive Kunstausstellungen ins neue Kunsthaus im Chipperfield-Bau einziehen, ist in Gera zwischen Theater und Schloss Osterstein eine Kunstmeile entstanden, die ihresgleichen sucht.

Bevor im Buga-Jahr das Schlossareal zum vielbesuchten Kunst-Areal werden konnte, brachte die GWB "Elsterthal" mit Sponsorenhilfe das ehemalige Amtsgebäude auf Vordermann. Im Schlossgarten entdeckten Schmidt und Wunderlich die Brunnenanlage und fanden schließlich auch den bereits restaurierten Brunnen wieder. Um Ausstellungsraum in den Remisen zu gewinnen, in denen die Reussen erst ihre Kutschen, dann ihre Wagen untergestellt hatten, wurden für die unverputzten Wände Tafeln angeschafft, um großformatige Bilder präsentieren zu können. Entscheidend aber ist, dass Schmidt und Wunderlich auch in den Jahren nach der Bundesgartenschau das Kunst-Areal mit spannenden Ausstellungen bestückten. Ausstellungen, die einen Bezug zur Region, zu Thüringen haben sollen, die aktuelle Themen aufgreifen. Etwa im Bauhaus-Jahr 2009 eine vielbeachtete Ausstellung mit exzellenten Designprodukten Ostthüringer Firmen.

Gegenwärtig kann der Besucher im Kunst-Areal auf "Kunstpfaden" wandeln. Das ist der Titel einer vom Verband Bildender Künstler Thüringen e.V. herausgegebenen Broschüre, in der der Geraer Fotograf Ulrich Fischer und der Autor Hendrik Neukirchner 70 Künstler aus ganz Thüringen vorstellen. Wie neun von ihnen arbeiten, kann man derzeit im Amtshaus und den Remisen sehen. Am 13. August ist dann Ausstellungswechsel und der Geraer Theatermaler Lothar Pötzel stellt sich vor.

Trotz Engagement und Erfindungsreichtum plagen auch ganz profane Sorgen das Duo Schmidt-Wunderlich. Alle Anschaffungen werden so lange genutzt, wie es irgendwie geht. Das muss natürlich auch für die Baulampen gelten, die die Kunst ins rechte Licht setzen. Doch gerade die machen Kopfzerbrechen. Der Etat für das Areal hat sich seit 2007 jährlich halbiert. Im Amtshaus hat die GWB "Elsterthal" weitere Räume saniert. Nur laufen die Stromkosten aus dem Ruder. Also, keine Energie vergeuden, ständig den Finger am Schalter haben. Sponsoren und Hilfe sind nach wie vor willkommen. Zudem haben Schmidt und Wunderlich unterhalb des Schlossareals einen weiteren Ort für die Kunst erobert. Direkt am Mohrenplatz, vis a vis von Dix-Haus und Untermhäuser Kirche, ist in einem leerstehenden verwinkelten Fachwerkhaus die Produzentengalerie M1 eingezogen. Wer die Elster entlang radelt oder wandert, kommt hier an einer weiteren offenen Tür für die Kunst vorbei.

Die Ausstellungen "Mix 010" in der Alten Wache und "Kunstpfade" in Amtsgebäude und Remise sind Dienstag bis Sonntag 12 bis 19 Uhr geöffnet.


Angelika Bohn / 31.07.10 / OTZ
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